Hans Regensburger Literatur und Bilder
Sophie & Laura © Hans Regensburger 2014
Erzählen, um zu unterhalten - erzählen in Bildern
Sophie & Laura - erschienen am 27. März 2014 Roman 2014 Eine Familiengeschichte Orte und Zeit: etwa 1987 bis 2013; München und Landkreis Neumarkt i.d.OPf. - Freystadt, Neumarkt… 286 Seiten - Textumfang ca. 76.000 Wörter Spielberg Verlag Regensburg ISBN 978-3-95452-645-1 12,90 Euro Der Roman kann in jeder Buchhandlung erhalten oder bei mehreren Internetanbietern bezogen werden oder beim Autor vor Ort gekauft oder bei ihm zu bestellt werden - Versand vom Autor mit Portoaufschlag. Zum Inhalt Ein heftiges Sommergewitter in der Nacht von Montag auf Dienstag reißt Sophie aus dem Schlaf. Die Schäden, die es an der Villa und im parkähnlichen Garten hinterließ, und die Vorhersage weiterer Unwetter lassen sie in Rat- und Tatenlosigkeit erstarren. Doch die Männer vor der Tür, die während dieser Tage in München Straßenarbeiten ausführen, kommen Sophie zu Hilfe. Fritz ist einer von ihnen. Er und Sophie verlieben sich. Neun Monate danach bringt sie Laura zur Welt. Das heizt den schwelenden Streit um das Familienerbe - die Villa, die Gemälde, die Antiquitäten - zwischen Sophie und ihren Brüdern weiter an. Fritz, den Sophie Friedel nennt, erfährt nicht, dass er mit ihr eine Tochter hat. Das wird auch beim Standesamt nicht aktenkundig. Zwanzig Jahre später brechen Sophie und Laura zu einer Reise in die Oberpfalz auf. Denn dort ist Friedel, ein verheirateter Nebenerwerbslandwirt, zu Hause. Seinen Brief, den sie Jahre davor erhalten, doch nicht beantwortet hat, verschweigt sie ihrer Tochter nach wie vor. Laura weiß nicht, dass sich ihr Vater von seiner Ehefrau trennen wollte, um mit ihrer Mutter in München zu leben. Sophie und Laura kommen in dem Dorf in der westlichen Oberpfalz an, und eine Überraschung jagt die andere. Man hält den Atem an. Die Leserin und Autorin Maja Kelz schrieb: Hallo Herr Regensburger. Sie können schreiben!!! Ihr Buch hatte ich in zwei Tagen gelesen - alle Arbeit musste hintanstehen. Die Geschichte ist in Inhalt und literarisch wunderbar erzählt. Hat Ihr Verlag Ihnen auch einen Platz in Leipzig und Frankfurt reserviert? In Nürnberg sollten Sie sich zum Lesen im Literaturhaus bewerben; auch bei Riedner in Altdorf. Beide Örtlichkeiten sind immer prallvoll besucht, und gekauft wird ordentlich. Herzliche Grüße und einen wunderschönen, wenn auch heute nebligen, Tag, Maja Kelz Wolfgang Fellner, Lokalredakteur der Neumarkter Nachrichten, schreibt über den Roman: Gegensätze Stadt und Land FREYSTADT  - Es ist ein großes Panorama, das Hans Regensburger im neuen Roman aufspannt: Es geht um die Gegensätze zwischen Stadt und Land, zwischen reich und arm. Bei "Freystadt liest" bekamen die Zuhörer einen ersten Eindruck aus dem Roman, der derzeit im Entstehen ist. Die ersten drei Kapitel gab es zu hören und Hans Regensburger wurde nicht entlassen von den Zuhörern ohne die Zusage, bald die letzten drei Kapitel des Buches nachzuliefern. Dazu erklärte sich der Mörsdorfer gerne bereit; allerdings bat er noch um etwas Zeit: "Nächstes Jahr um dieselbe Zeit könnten wir es machen", verabschiedete er sich lächelnd. Denn: Es sei nicht so einfach, die Vorlage, die er sich ausgedacht habe, auszuformulieren. Nachts, wenn alles zur Ruhe kommt, bastelt er an den vielen Details seiner Figuren, an der Handlung, an den Verästelungen derselben, an den Geschehnissen. Der Recherche bedarf es auch, alles soll stimmig sein. Autobiografisch sei da nichts, winkt er lachend ab, aber: Natürlich sind es seine Erfahrungen und Erlebnisse, die auch Eingang finden. Beispielsweise seine Zeit als junger Mann in München, als er als Metzger in einem Betrieb in einem recht vornehmen Viertel beschäftigt war; "die kamen nicht zum Einkaufen, da haben wir ins Haus geliefert", sagt Regensburger. Da sah er mitten in der Großstadt Grundstücke, die einen Hektar groß waren, mit Villen und mehr. So etwas kann dann schon in den Roman einfließen - im aktuellen ist es geschehen.  Der grobe Rahmen: Regensburger, selbst Nebenerwerbslandwirt, wollte die sozialen Verwerfungen aufzeigen, die ein Leben zwischen Land und Stadt auslösen kann. Hauptdarsteller sind Sophie und Friedrich: sie Tochter aus reichem Haus, die aber um ihr Erbe kämpfen muss, er Landwirt aus der Oberpfalz, der, um die Familie durchzubringen, als Bauarbeiter in der Landeshauptstadt unterwegs ist. Die Passagen, die in Friedrichs Heimat spielen, diese Freiheit gönnt sich der Autor, spielen in Freystadt und Mörsdorf, auch wenn Mörsdorf im Roman nicht Mörsdorf ist und auch anders aussieht. Detailliert und genau zeichnet Regensburger seine Figuren, lässt die Handlung langsam anlaufen. Ein vielversprechender Einstieg. Leseprobe 2. Kapitel Sophie   konnte   sich   nicht   entschließen,   das   Rollo   hochzuziehen.   Sie   war   in   der   Nacht   von   einem   Gewitter   wach geworden.   Instinktiv   hatte   sie   im   Stockfinstern   am   Nachttisch   ihre   Brille   ertastet   und   sie   sich   aufgesetzt.   Doch   als   sie ihre Nachtisch lampe   anknipsen   wollte,   war   diese   genauso   dunkel   geblieben   wie   danach   die   große   Schlafzimmerlampe und   das   Licht   im   Flur.   Dort,   vor   ihrer   Schlafzimmertür,   winselte   Ron.   Als   sie   in   sein   weiches   Fell   greifen   konnte   und seine feuchte Schnauze spürte, war sie erleichtert. Obwohl er ihr nicht mehr von der Seite gewichen war, hatte sie sich auf   der   Treppe   am   linken   Fuß   den   großen   Zeh   angestoßen.   Ein   Schrei   war   ihr   entfahren,   und   Ron   hatte   versucht, Sophies Fuß zu lecken. Auch   im   Parterre   knipste   sie   vergeblich   an   den   Lichtschaltern.   Auf   dem   Flügel   im   Wohnzimmer   wusste   sie   den schweren   Silberleuchter   mit   einer   Kerze. Auf   dem   Weg   dorthin   konnte   sie   am   Sims   über   der   Kachelofenfeuerung   eine Schachtel   Streichhölzer   ertasten.   »Wenigstens   darauf   ist   Verlass,   obwohl   Sommer   ist«,   hatte   sie   aufgeatmet   und   die Schachtel   zwischen   ihre   Lippen   geklemmt,   um   für   den   Leuchter   und   die   Kerze   beide   Hände   frei   zu   haben.   Beim Entfachen   der   Kerze   erschrak   Ron. Als   er   sich   wieder   beruhigt   hatte,   war   er   im   Schein   des   Kerzenlichts   Sophie   in   die Küche   gefolgt.   Dort   meldete   sich   in   deren   großem   Zeh   wieder   der   Schmerz.   Mit   beiden   Händen   zog   Sophie   ihren linken   Fuß   auf   den   Stuhl,   den   sie   sich   mittlerweile   zurechtgerückt   hatte,   lehnte   und   entspannte   dieses   Bein   an   der Tischkante   und   massierte   mit   ihrer   linken   Hand   den   schmerzenden   Zeh.   Mit    ihrer   Rechten   konnte   sie   nun   nach   Ron greifen,   der   auf   den   Stuhl   rechts   von   ihr   gesprungen   war   und   seinen   Kopf   auf   Sophies   rechten   Oberschenkel   gelegt hatte. Obwohl   sie   ab   und    an   auf   die   Uhr   an   der   Wand    geschaut   hatte,   erfasste   sie   nicht,   wie   lange   sie   bereits   vor   der   Kerze saß.   Zwar   hatte   Sophie   in   diesen   langen   Stunden   immer   wieder   einmal   erwogen,   sich   von   ihrem   Stuhl   zu   erheben, erneut   auf   einen   Lichtschalter    zu   drücken   oder   auf   den   Knopf    des   Küchenra dios   zu   tippen,   um   festzustellen,   ob   es mittlerweile    wieder    Strom    gab,    doch    sie    hatte     es    ein    ums    andere     Mal    aufgeschoben .    Längst     hätte    sie    ihren Morgenmantel   und   Pyjama   sowie   ihre   Barfüßigkeit   gegen   Unterwäsche,   Socken,   Jeans,   Bluse,   Pullover   und   Schuhe tauschen   können.   Doch   sie   hatte   keine    Hand   frei .   In   dieser   Un tätigkeit   wollte   sie   so   lange   verharren,   bis   die   Kerze heruntergebrannt   war.   Obschon   das   Telefon,   das   sie   neben   sich   auf   den   Tisch   gestellt   hatte,   wie   eine   jungfräuliche Tafel   ihrer   Lieblingsschokolade   lockte,   rief   sie   weder   ihre   Mutter   noch   die   Feuerwehr   an.   Nur   einen   weiteren   Blick   auf die   Uhr   erlaubte   sie   sich.   Es   war   bald   fünf.   Nun   erwog   sie,   zum   Fenster   zu   gehen   und   das   Rollo   hochzuziehen,   um das   Licht   der   Frühe   hereinzulassen.   Doch   erneut   konnte   sie   sich   dazu   nicht   aufraffen.   Sophie   erinnerte   sich,   dass dieses   Morgenlicht   schon   oftmals   ihre   Laune   verändert   hatte.   Diese   besondere   Heiterkeit   schien   sich   in   ihrem   Gesicht gespiegelt   zu   haben,   sonst   wäre   sie   im   Ministerium   nicht   jedes   Mal   von   ihrer   Sekretärin   darauf   angesprochen   und nicht   selten   darum   beneidet   worden.   Doch   was   in   der   Nacht   –   wovon   sie   aus   dem   Schlaf   gerissen   wurde   –   von draußen   neben   dem   Donnern,   Blitzen,   Fetzen,   Fauchen   an   beängstigenden   Geräuschen   zu   ihr   gedrungen   war,   schien sie   zur   Tatenlosigkeit   verdammt   zu   haben.   Es   nährte   seitdem   ihre   schlimmsten   Befürchtungen.   Jenes   Krachen, Knacken,   Peitschen   aus   dem   Park   hatte   sie   noch   immer   in   Ohr.   Plötzlich   ertönte   die   Hausglocke.   »Tatsächlich   wieder Strom«,   murmelte   sie   vor   sich   hin.   Sophie   fuhr   hoch.   Ihr   linkes   Bein   war   eingeschlafen.   Mit   ihm   verhedderte   sie   sich am Telefonkabel,   das   vom Tisch   hing   und   am   Boden   zur   Steckdose   an   der   Wand   führte.   Bevor   der Apparat   vom Tisch stürzen   konnte,   kriegte   sie   ihn   zu   fassen.   »Im   letzten   Augenblick.   Gott   sei   Dank!«,   atmete   Sophie   auf.   Auf   dem weiteren   Weg   zur   Tür   musste   sie   sich   mit   der   Linken   am   Küchenbüffet   aufstützen   und   mit   ihr   an   der   Wand   Halt suchen,   um   nicht   umzuknicken.   »Wer   kann   das   sein?   Hoffentlich   nicht   die   Feuerwehr,   die   Polizei!   Bereits   sieben   –   o Gott!« Sie knipste das Licht in der Küche an und blies die Kerze aus. Ron wich nicht von ihrer Seite, auch nicht, als sie die   Küchentür   öffnete   und   in   den   Flur   humpelte.   Dort   fiel   das   Tageslicht   herein;   es   kam   durch   die   Oberlichte   der breiten,   wuchtigen   Eichentür,   die   ihr   Vater   entworfen   hatte.   An   ihr   steckte   der   Schlüssel.   Sophie   schloss   auf   und öffnete.   Jener   Mann   vom   Bautrupp,   den   sie   am   Freitag   mit   dem   Opernglas   beobachtet   hatte,   stand   am   Fuß   des rechten   Flügels   der   Freitreppe.   Sophie   konnte   über   seinen   Scheitel   hinwegblicken.   Robinson,   ihr   Kater,   strich   um dessen   Beine;   eigentlich   um   die   Sicherheitsschuhe   und   die   Hosenbeine   von   dessen   dunkelgrauer Arbeitshose.   In   der Linken hielt der Mann einen gelben Bauhelm. »Gu   Morng,   entschuldigen   Sie   die   Störung,   doch   Ihr   Park…   Ich   glaub,   am   Freitoch   hat   er   nu   besser   ausgsehn«, bedauerte der Mann mit einem vagen Lächeln um den Mund. »O   Gott,   ich   bin   noch   nicht   mal   angezogen,   und   mein   Bein,   es   ist   mir   eingeschlafen!«,   klagte   Sophie.   Der   Mann errötete und fügte unsicher hinzu: »Entschuldigen Sie nochmals, doch ich brauche Ihre Erlaubnis.« »Meine Erlaubnis?« »Sie sind doch die Eigentümerin des Anwesens – hier?« »Ja, na ja, doch – eigentlich schon!«, entpuppte sich Sophie als Spielball ihrer Ratlosigkeit. »Wir wolln ufanga – Sie wissn schouh: Termine! Doch die drei Baijm, der Zaun…« »Ist´s so schlimm?« »A wo!« »In drei Minuten bin ich draußen bei Ihnen!« Ihres   Pyjamas   hatte   sich   Sophie   wenige   Sekunden   später   entledigt.   Kaum   länger   brauchte   sie   zum   Zähneputzen   und Waschen   des   Gesichts.   Im   Nu   war   sie   auch   in   ihre   Unterwäsche,   in   ihre   blaue   Lieblingsjeans   geschlüpft,   hatte   sich nicht   minder   rasch   für   eine   ihrer   dunklen   Blusen,   für   ihren   ziegelroten   Pullover   sowie   ihre   hellbraunen Allzweckschuhe entschieden.   Mit   Vorliebe   trug   sie   diese   Sachen   im   Haus   und   draußen   im   Park.   So   gekleidet   hörte   sie   nicht   einmal   von ihrer Mutter ein kritisches Wort. So konnte sie jederzeit vor die Tür und zu Fuß in der Bäckerei am Romanplatz und der Metzgerei   in   der   Hirschgartenallee   einkau fen   oder   mit   dem   Auto    zum   Supermarkt    fahren,   um   größere   Anschaffungen zu tätigen. Doch dann warf sie einen Blick in den Spiegel. »O Gott, wie ich aussehe – schrecklich!« Während   sie   sich   schminkte,   fragte   sie   sich,   warum   sie   sich   schminke.   » Werde    ich   etwa    in   einen   meiner    Hosenanzüge schlüpfen    oder    eins    meiner    Kostüme    anziehen,    weil´s    zur    Arbeit    ins    Ministerium    geht,    um    damit    meiner Unscheinbarkeit,   die   mir   Mutter   attestiert,   Paroli   zu   bieten?«   Dazu   gehörte,   dass   sie   auch   noch   zu   einem   ihrer Parfumflakons   griff   und   sich   betupfte.   Das   wollte   sie   an   diesem   frühen   Morgen   unterlassen.   »Auf   jeden   Fall!«,   betonte sie.   Doch   auf   dem   Weg   aus   dem   Bad   machte   sie   kehrt   und   betupfte   kopfschüttelnd   rechts   und   links   ihren   Hals   und ihre   Bluse   oberhalb   der   Brust   mit   Parfum,   wobei   sie   den   V-Ausschnitt   ihres   Pullovers   lupfte.   »Tue   ich   das,   um   den Anblick   des   Chaos   im   Park   hinauszuzögern?«   Sie   ließ   diese   Frage   unbeantwortet.   Trotzdem   machte   sie   sich   auf   den Weg   dorthin.   Ron   wartete   an   der   Haustür.   Er   blickte   zu   ihr   hinauf   und   maulte.   Sophie   kehrte   um.   Der   Hund   folgte   ihr. Zurück   im   Bad   wollte   sie   im   Spiegelschrank   nach   ihrem Abschminkwasser   greifen. Aber   Sophie   fand   es   in   den   Reihen der   Fläschchen,   Tuben   und   Döschen   nicht.   Trotzdem   zweifelte   sie   nicht   daran,   dass   sie   mit   der   Nase   darauf   stoßen konnte.   Sie   schlug   den   Schrank   zu   und   griff   zum   Waschlappen.   Doch   erst,   als   sie   fest   aufdrückte,   zeigten   sich   in   ihm Spuren   des   Make-up.   Nun   lief   ihr   Gesicht   glut - rot   an.   »O   nein!«,   haderte   sie   mit   sich.   »Mach   ich   das   wegen   ihm   oder will   ich   mich   nur   vor   dem Anblick   des   Chaos   draußen   im   Park   drücken?«   Dagegen   setzte   sie,   ohne   dass   sie   es   wollte, sein   »A   wo!«.   Sie   wusste,   dass   es   nur   eine   Floskel   war,   um   sie   zu   beruhigen.   Doch   sie   schenkte   ihr   Glauben,   obwohl sie wollte, dass ihr dieses »A wo.« keinen Gedanken wert wäre. Erneut begann sie sich zu schminken. Endlich machte sich   in   ihr   Zufriedenheit   breit,   und   Sophie   ging   mit   Ron   in   den   Park.   Auf   dem   Gehsteig   hörte   sie   eine   Schar   Männer plaudern.   Dann   erst   wagte   sie   nach   rechts   zu   blicken   und   sah   die   Verwüstung,   die   der   Gewittersturm   dort   hinterlassen hatte.   »O   Gott,   Mutter   wird   der   Schlag   treffen!«,   durchfuhr   es   sie.   »Ausgerechnet   ihre   drei   Lieblingsbäume.   Doch meine   Linde   hat   wie   durch   ein   Wunder   standgehalten.«   Sophies   Ziel   war   das   Parktor.   Es   zu   durchqueren,   verhieß   ihr, auch   den   Capo   zu   treffen.   Zigarettenrauch   schwadete   zu   ihr   herüber.   Und   sie   wollte   sagen:   »Nun   hat   es   doch   etwas länger   gedauert.«   Doch   sie   konnte   den   Mann,   jenen   Mann,   den   sie   fortwährend   im   Kopf   hatte,   weder   in   der   Gruppe der   plaudernden   und   rauchenden   Arbeiter   entdecken   noch   entlang   der   Nibelungenstraße,   wohin   ihr   Auge   sich   stahl. Nun   sprachen   die   Blicke   der   Bauarbeiter   davon,   wonach   die   ihrigen   suchten.   Denn   einer   von   ihnen   sagte:   »I   bin   d Hans.   D   Fritz   –   unser   Capo   –   hat   schnell   af   a   andre   Bauschtö   gmyjsst.«   Sophie   wäre   am   liebsten   ins   Haus zurückgerannt,   hätte   sich   auf   ihr   Bett   schmeißen   und   heulen   wollen.   Da   kam   einer   von   den   anderen Arbeitern   auf   sie zu.   Er   erweckte   den   Anschein ,   als   wollte   er   ihr   etwas    sagen ;    doch   stattdessen   griff   er   nach   einer   Schaufel,   die   an einem   der   Bäume   lehnte;   sie   beschatteten   streckenweise   den   Gehsteig   und   die   Straße.   Dann   vernahm   Sophie   von Hans,   dass   er   sie   im   Auftrag   des   Capos   fragen   solle,   ob   sie   ihnen   erlaube,   ihren   Park   zu   betreten.   »Dies   wah   am gscheitastn.   Dann   kanntn   wir   nemli   die   drei   Baijm   dao   oseng,   die   d   Sturm   umgschmissn   hoat,   und   sie   mit   de   Krona, die am Gehsteig liegn, af Ihr Grundstück rucka.« »Tatsächlich, ja!«, erwiderte Sophie. »Das   Stück   Zaun   ist   eh   beim Teifü.   Wir   legn   Ihnen   dieses   vbogne   Element   in   den   Park   und   schlong   a   poor   Breder   dru. Dann kinna S es dweil richten lassn. Des moant d Fritz – d Capo.« »Sie   werden   es   schon   richtig   machen,   denke   ich«,   sagte   Sophie   mit   erstickter   Stimme.   Sie   wandte   sich   um   und   wollte endlich   zurück   in   die   Villa.   Dabei   vergewisserte   sich   Hans:   »Sie   gem   uns   also   die   Erlaubnis,   dass   wir   in   Ihren   Park kinna und dies dann su macha?« »Ja, ja!«, erwiderte Sophie. »Sie sehn dann schouh, wenn ma fertig san«, meinte Hans. Sophie   kehrte   ins   Haus   zurück.   Dort   eilte   sie   schnurstracks   ins   Bad.   Was   sie   im   Spiegel   erblickte:   War   das   sie,   ihr Gesicht?   Das   Kopfschütteln,   das   sie   sah,   es   würde    zweifelsohne    zu   ihr   gehören,   dachte   sie.   Über   dem   Rand   des Waschbeckens   hing   der    Waschlappen,   mit   dem   sie   sich   vor   nicht   einmal   einer   Viertelstunde   die   Schminke   aus   dem Gesicht   gerubbelt   hatte.   »Nicht   einmal   aus ge - waschen   hab   ich   ihn.«   Das   holte   sie   nun   nach.   Mit   einer   Mi schung   aus Weinerlichkeit   und   Wut   wischte   und   rieb   sie   sich   abermals   die   Schminke   aus   dem   Gesicht.   Es   lief   krebsrot   an.   Sophie   fragte   sich,   weswegen   sie   nicht   den   Spiegel   zertrümmere,   in   dem   sie   das   erblicke;   die   Badtür   eintrete;   die   nächste Person   anspucke,   die   draußen   ihren   Weg   kreuze.   Solche   Verrücktheiten   würden   ihr   nie   und   nimmer   unterlaufen;   das wusste sie. Doch in diesem Augenblick war  sie keineswegs  stolz darauf ; ihr Anstand erschien ihr lästig. »Das   hab   ich   nun   davon.   So   kann   ich   nicht   einmal   zum   Metzger   und   Bäcker,   um   ihnen   eine   Brotzeit   zu   holen,   ja«, schimpfte   sie   mit   sich.   »Ich   bin   so   …   eine   Idiotin!«   Diese   abschätzige    Selbstbezichtigung,   an   die   sie   nicht   glaubte, schien   für   jeden   Gedanken   zu   stehen,   der   ihr   in   diesen   Minuten   zuflog.   Wehrlos   war   sie   gegen   diese   Zudringlichkeiten aus   sich   selbst,   mit   denen   sie   sich   fortwährend   ertappte.   Warum   ging   in   ihr   plötzlich   die   Frage   vor,   ob   Fritz   einen Ehering   trage.   »Ich   hätte   darauf   achten   sollen,   ja«,   sagte   sie   sich.   »Doch   trägt   man   auf   dem   Bau   überhaupt   einen Ring?   Könnte   das   nicht   bei   der Arbeit   gefährlich   werden?   Warum   lasse   ich   es   zu,   dass   ich   ihn   mit   ›Fritz‹   konkretisiere? Wenn,   möchte   ich   ›Friedel‹   zu   ihm   sagen!   O   nein!«   erwiderte   sie   ihrem   Spiegelbild   und   schrie   es   an.   Vor   der Tür   hörte sie   Rons   verhaltenen   Beller.   »Wenn   ich   den   nicht   hätte?!«,   dachte   sie   und   mit   einem   Schmunzeln    um   den   Mund    ging sie   zu   ihm.   » Komm    Ron   lief   ins   Wohnzimmer   voraus.   Vom   Park   drangen   das   Knattern   und   Heulen   von   Motorsägen zu   ihr,   ab   und   an   auch   das   laute,   eintönige   Brummen   eines   Baggers.   Mit   einem   Blick   aus   dem   Fenster   hätte   sie   das Bild,    das    diese    Geräusche    ihr    zutrugen,    auf    seine    Richtigkeit    überprüfen    können.    Doch    sie    widerstand    dieser Versuchung,   die   sie   mehr   beängstigend   als   drängend   in   sich   spürte.   Auf   dem   Sofa   liegend   suchte   ihre   Rechte   nach Ron, der sich auf den Teppich gelegt hatte. Da Sophie nicht so fort den Hund ertastete, drehte sie sich auf die Seite. Der   Border-Collie   lag   unter   dem   Couchtisch.   Er   war   mehr   als   einen   Meter   von   ihr   entfernt.   »Na,   komm   schon!«   Ron   blickte auf,   doch   er   rührte   sich   nicht   von   der   Stelle.   Nach   einer   Weile   legte   er   seinen   Kopf   wieder   zwischen   die   Vorderpfoten. »Bist du eifersüchtig, Ron?« Kein Laut entwich ihm. ...    Sie   wollte   ihren   Blick    abwenden ,   die   Augen   schließen    und    doch   schauen;   –   die   zersplitterten   Dachlatten,   die   aus ihren   Verzapfungen   gerissenen   Balken,   die   ramponierten   Dächer,   die   ent wurzelten   Bäume,   den   beschädigten   Zaun sehen   und   doch   nicht   sehen;   diesen   gespenstischen    Anblick    als   bösen   Traum    entlar ven.   »Das   ist   ja   entsetzlich«, keuchte sie mit tränenerstickter Stimme. Sie   rannte   zurück   ins   Haus.   Um   nicht   das   Opfer   eines   Nervenzusammenbruchs   zu   werden,   musste   sie   etwas   tun   und rief   jene   Maurer-,   Dachdecker-   und   Gartenbaubetriebe   an,   die   schon   ihr   Vater   mit   Arbeiten   beauftragt   hatte.   Man vertröstete   sie   auf   die   nächste,   wenn   nicht   die   übernächste   Woche.   Dann   versuchte   sie   ihr   Glück   bei   der   Feuerwehr und   hörte,   man   wolle   in   einigen   Tagen   die   Schäden   provisorisch   mit   Planen   abdecken.   Sophie   war   verzweifelt.   Sie blickte   auf   die   Uhr.   »Bald   neun«,   sagte   sie    vor   sich   hin   und   schaltete   in   der   Küche   das   Radio   ein.   Der   Wetterbericht meldete   bereits   für   Donnerstag   wieder   Gewitter   und   Starkregen.   Sie   wunderte   sich,   dass   ihre   Mutter   noch   nicht angerufen hatte. »Ihr entgeht keine Nachrichtensendung. Vielleicht war es diesmal anders. Ich wüsste nicht, wie ich ihr diese   schlimmen   Schäden   verheimlichen   oder   erklären   könnte.«   Erneut   ging   sie   nach   draußen.   Beim   Anblick   des Durcheinanders   weinte   sie   abermals.   Plötzlich   stand   der   Capo   vor   ihr.   Wie   aus   dem   Nichts   war   er   vor   ihr   aufgetaucht. In   den   letzten   Minuten   hatte   sie   nicht   mehr   an   ihn   gedacht.   Nun   wurde   sie   für   Augenblicke   von   purer   Verzweiflung   beherrscht.   Vor   allem,   weil   er   sie   in   diesem   Zustand   überraschte   –   sie   weinen   sah.   Doch   kaum   weniger,   weil   sie   sich ihm   in   all   ihrer   Unscheinbarkeit    ausgeliefert    glaubte .   »Ich    dumme   Kuh,   warum   hab   ich   mich   abgeschminkt,   warum nur?«   Dann   begann   er   zu   reden,   und   sie   fühlte   sich   besser.   »Schlimmer   als   ich   zunächst   dachte«,   sagte   er   im Unterton   einer   Herausforderung.   Sophie   hing   an   seinen   Lippen   und   brachte   kein   Wort   her aus.   »Die   Schäden   sind nicht   allgemein,   sondern   vereinzelt   wie   hintupft   –   dao   amal   und   dao   amal.   Der   Strom   war   auch   länger   weg,   ho   i   ghört. Beim   Umspannwerk   draußen   solln   wie   hier   die   Fetzen   gflung   seij«,   erzählte   der   Capo.   »Er   hatte   hier   freie   Bahn,   der Sturm;   in   der   ganzen   Umgebung   nur   hier;   wahrscheinlich   eine   Windhose   von      vierzig,   fünfzig   Metern   Breite«,   erklärte der   Capo   und   schilderte   im   selben Atemzug   mit   seinen   Händen   und Armen   den   Zug   des   Unwetters   von   Westen   nach Osten.   »Ich   muss   mich   noch   bei   Ihnen   bedanken!«,   fuhr   er   fort.   »Hätten   Sie   uns   nicht   in   Ihren   Park   gelassen,   hätten wir   wahrscheinlich   erst   morgen   draußen   mit   dem   Ausheben   des   nächsten   Teilstücks   beginnen   können.   Vielleicht können    wir    uns    revanchieren?«    Sophie    war    verblüfft.    »Revanchieren?«,    dachte    sie    und    ihre    Wortlosigkeit    gab gleichzeitig   ihre   Verwirrtheit   und   Ratlosigkeit   wider.   »Vielleicht   können   wir   ja   etwas   für   Sie   tun.«   Während   der   Capo das   sagte,   streifte   sein   Blick   die   Verwüstung   im   Park   und   an   den   Gebäuden.   Sophie   nickte.   In   ihrer   Verlegenheit lächelte   sie   zaghaft.   Das   bemerkte   der   Capo.   »Schwül   ist´s   wieder   geworden,   und   diese   stechende   Sonne   verheißt nichts Gutes. Übrigens, Fink, Friedrich.« Während   er das sagte, streckte   er ihr seine   Rechte   hin. Sophie glaubte in ihrer Hand   etwas   unglaublich   Zupackendes   und   Vertrauenswürdiges   zu   spüren.   Nach   einer   Weile   erwiderte   sie:   »Sophie Reischl.«   Dabei   errötete   sie   und   fügte   hinzu:   »Es   ist   tatsächlich   sehr   schwül.   Und   ich   hab   einen   Pullover   an   wahr scheinlich    vor   Aufregung .«    Der    Capo    lächelte ,    zuckte     ansatz weise    die   Achseln,    räkelte    ein    wenig    mit    den Schultern   und   zog   an   seiner   Zigarette.   »Wenn   Sie   Hilfe   brauchen,   dann…«,   erklärte   er;   und   seine   Handbewegungen, die er dabei gebrauchte, schie nen die Schäden in ein Paket zu schnüren. »Sie könnten das tatsächlich…?« ... 3. Kapitel Doch   Sophie   erschrak   über   das,   was   sie   gesagt   hatte.   »O   Gott,   ich   personifizierte   Unromantik!   Warum   falle   ich   ihm   ins Wort   und   sage   so   etwas   und   nicht   das,   woran   ich   ihn   am Aussprechen   gehindert   habe?   Mir   ist   nicht   zu   helfen!«,   ging sie   mit   sich   ins   Gericht   und   hoffte,   dass   er   nun   seinen   Satz   zu   Ende   bringen   würde.   Doch   der   Capo   schwieg.   Plötzlich nahm er ihre Rechte, die sie intuitiv fächerte, und führte sie an seine linke Brust.
Hans Regensburger Literatur und Bilder Sophie & Laura